22. Februar 2008

Verstärkung aus Deutschland und eine Krisensitzung

Baraka und ich sind noch in Bagamoyo und beenden hier das Training. Am Mittag soll der Agumba Kleinbus kommen und die fehlenden Computerteile aus Dar es Salaam für die Kizuiani Schule liefern. Nach einem abschließenden Testlauf unseres Systems an der Schule wird es dann zurück nach Dar es Salaam gehen, wo ich Franz und hoffentlich auch den inzwischen eingetroffenen Michael wiedersehen werde.

Aber - es kommt mal wieder alles ganz anders als geplant: Der Kleinbus kommt pünktlich aus Dar, (große Überraschung ) der Fahrer geht noch schnell zum Mittagessen. Als er zurückkommt, zeigt er Baraka und mir den vorderen linken Reifen. Der ist platt. Dem nicht genug, der PKW, der zu unserem  Personentransport eingesetzt wird,  hat zwei Reifen, die ebenfalls nahezu platt sind. Ok, am Kleinbus wird der Schlappen halt gewechselt, der Fahrer hat darin Übung. Am PKW gestaltet sich das schwieriger und das Problem kann hier nicht gelöst werden. Wir machen uns erst einmal auf den Weg zur Kizuiani Schule.

Seit Mittag gibt es übrigens in ganz Bagamoyo keinen Strom. Erschwerte Bedingungen für uns.

Nachdem wir mit den Arbeiten an der Schule fertig sind, folgt dort eine große Verabschiedung mit vielen Umarmungen. Frau Haule, die Schulleiterin, hat noch eine kleine Überraschung für uns. Sie führt uns in ein Klassenzimmer, indem jedoch keine Schüler, sondern Eltern auf uns warten. Wie nett. Wir führen Smalltalk. Für Baraka kein Problem! Man stellt mir den Elternvertreter vor. Ein älterer Mann, dem man sein arbeitsreiches Leben ansieht. Er redet sofort auf mich ein, viele Worte kommen aus seinem Mund, von denen ich kein einziges verstehe. Baraka erklärt ihm, dass ich kein Kisuaheli verstehe, also beginnt er nochmals von vorne. Nun wird alles viel kürzer, ein nettes „thank you very much“, dann sind seine Englischkenntnisse erschöpft. Ich bedanke mich ebenfalls bei ihm, lasse Baraka übersetzen und bin mal wieder tief beeindruckt von der Herzlichkeit der Menschen hier.

Inzwischen ist es 16:30 und es geht zurück nach Dar es Salaam mit einem Kleinbus, dessen Ersatzrad keine einizige Profilspur mehr zeigt und einem PKW mit verdammt wenig Luft in den Reifen. Kolonnenfahrt bis zur nächsten Werkstatt oder Tankstelle ist angesagt. Diese finden wir dann kurz vor Dar es Salaam.
Es ist bereits Abend und dunkel, als wir vor dem Ushiraka Gebäude, indem sich das Agumba Büro befindet, parken. Heute haben wir sogar einen Parkplatz direkt vor dem Gebäude gefunden, aber wohl nur deshalb, weil um diese Uhrzeit hier keiner mehr arbeitet. Paul kommt uns vor dem Eingang entgegen, wie so oft mit Handy am Ohr: „Oh Hans, this is a very bad day for me“, begrüßt er mich. Mein zaghafter Einwand: "For me too" geht jedoch irgendwie unter bei der Erzählung seiner Geschichte: Er war heute im Ministerium eingeladen, irgend etwas Wichtiges hatte er dort zu erledigen. Nach seiner Rückkehr war dann sein Büro abgeschlossen und die Sekretärin mit dem Schlüssel bereits nach Hause gegangen. Man habe sie jedoch inzwischen angerufen und sie sei auf dem Weg hierher um den Schlüssel zu bringen. Wir warten also auf sie - geschlagene 2 Stunden dauert es - und ich kann nicht verleugnen, dass sich in mir in dieser Zeit eine gewisse Frustration und ein Anflug von Groll breit macht. Durch die vielen unglücklichen Situationen heute frage ich mal vorsichtig nach, ob denn Michael inzwischen vom Flugplatz abgeholt wurde. Ein von Paul mit strahlendem Gesicht verkündetes „Ja“ macht mich für einen Moment glücklich, dann folgt jedoch ein: „Aber stell dir vor Hans, das Hotel war total ausgebucht und es gab kein Zimmer mehr für Michael, obwohl ich persönlich reserviert hatte“. - Tiefes Luft holen meinerseits - „George W. Bush hat Tansania doch verlassen und die Hotelsituation müsste sich doch entspannt haben“, wende ich ein. Ich solle mir mal keine Gedanken machen, sagt Paul, er habe das schon alles geregelt. Er sei zum Hotel gefahren und habe an der Rezeption „ein klärendes Gespräch geführt“. Franz könne das bestätigen. Später erfahre ich, dass a l l e Gäste in der Empfangshalle unfreiwillig Zeuge dieses Gesprächs wurden. Ich kenne Paul und kann es mir nur zu gut vorstellen...

Irgendwann, Stunden später, bin ich dann im Hotel, kann Franz und Michael endlich begrüßen und cool, wir haben alle ein Zimmer.

Drei kalte Kilimandscharo Bier an der Bar mit Michael und Franz lassen mich etwas relaxen.

Ich habe Paul um ein Krisengespräch gebeten und er will dazu später noch zu uns ins Hotel kommen. Die Zeit vergeht und wir glauben nicht mehr, dass daraus noch etwas wird, aber dann kommt er doch, begleitet von Seba und Baraka, unseren beiden Linux4Afrika Praktikanten.
Unser Krisengespräch kann also beginnen: Ziemliche Frustration auf unserer Seite, da wir seit Beginn unseres Aufenthaltes gerade mal 25 von 200 Computer erfolgreich ausgeliefert und installiert haben. Feststellung, dass wir alle nicht glücklich über diese Situation sind. Was tun? Zuerst stornieren wir die Wochenendtour nach Sansibar. Stattdessen werden wir am Samstag in der Lagerhalle 60 PCs zusammenstellen, nochmals testen und für den Transport an drei Schulen vorbereiten. Am Montag, so planen wir,  werden wir diese Schulen besuchen und die Agumba Techniker werden die Verkabelung schnellstmöglich vornehmen. Damit erreichen wir hoffendlich, dass bis zu unserer Abreise die Hälfte der Hardware übergeben wurde.
Wir besprechen ein weiteres Problem: Die Auslieferung und Installation der großen Anzahl gespendeter PCs, die noch in Deutschland warten, macht uns Sorge. Wie können diese hier effizienter ausgeliefert und in Betrieb genommen werden? Wie schon so oft, kommt Michael mit einem genialen Vorschlag. Er will die Flugkosten für einen motivierten tansanianischen Administrator übernehmen und auch für eine dreimonatige kostenlose Unterbringung in Deutschland sorgen. Während dieser Zeit könnte FreiOSS den Praktikanten mit allem notwendigen Wissen über unsere Linux4Afrika-Lösung ausstatten. Im Gegenzug erklärt sich der Praktikant bereit, sich nach Rückkehr zusammen mit Agumba drei bis vier Monate ausschließlich um die Auslieferung und Installation der Linux4Afrika Computer zu kümmern. Wir kommen zu dem Schluss, dass hier vor Ort weitere Unterstützung durch unseren Verein nötig ist und geleistet werden muss, damit es hier nicht zu einem „Computerstau“ kommt und Michaels Idee ist überlegenswert und führt in die richtige Richtung. Sollten wir sie verwirklichen, wäre dies allerdings mit weiteren finanziellen Kosten für den Verein verbunden. Wir werden auf der CeBIT versuchen, Sponsoren für diese Praktikums-Idee zu finden.